Die Faszination

Während meines Physikstudiums in den 70er Jahren in Hamburg (Deutschland) fuhren meine Frau und ich, wenn wir es uns leisten konnten, im Sommer nach Italien oder Südfrankreich und regelmäßig Silvester an die dänische Westküste. Dort ergriff uns beim Blick über das Meer oft das Gefühl, schon am Nordrand Europas angekommen zu sein. Weiter nördlich würde es wohl dunkel und unwirt­lich sein, besonders in der Zeit um Silvester ...

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Als ich 1978 zu einem Forschungsaufenthalt an die Universität Kopenhagen einge­laden wurde, beschlossen wir dies als Sprungbrett für einen ersten Urlaub in Norwegen zu nutzen. Bereits bei der Fährüberfahrt über den Øresund von Helsingör in Dänemark nach Helsingborg in Schweden hatten wir das Gefühl, einen neuen Kontinent zu erobern. 

Wir durchstreiften mit unserem ersten VW Golf meist auf geschotterten Straßen Fjordnorwegen, waren fasziniert von der Klarheit, den Farben und dem unbe­schreiblich genussvollen Geruch der Landschaft, den direkt aus über tausend Metern in die tiefen Fjorde stürzenden Bergen, den vielen Regenbögen und der Vielzahl einfach ausgestatteter Übernachtungshütten. Am 26. August war es dann soweit: Im Hüttenbuch fanden wir sinngemäß folgenden Eintrag unse­rer Vorgänger: „Wir sind leider schon auf der Rückreise vom schönsten Fleck­chen Erde, das wir kennen, den Lofoten. Nie zuvor haben wir ein derartiges Licht gesehen und uns so eins mit der Welt gefühlt wie in den Tagen auf den Inseln im Nordmeer“. Der Text war in französischer Sprache, die Verfasser stamm­ten aus Aix en Provence ...

Sofort war uns klar: da wollen wir auch hin! Zwei Jahre später konnten wir unse­ren Wunsch realisieren. Über Stockholm und Helsinki ging es durch Finnland über 3.200 km ans Nordkap und dann erreichten wir nach weiteren 1.000 km und diversen Fähren unser Hauptziel - die Lofoten. Schon wenige Kilometer nach der Fährankunft in Fiskebøl wollten wir ob der grandiosen Landschaft alle paar hundert Meter anhalten, staunen, fotografieren, uns freuen.

Touristisch erschlossen waren die Lofoten damals kaum, insbesondere fehlten die aus Südnorwegen gewohnten Übernachtungshütten. Stattdessen gab es viele sehr einfache Zimmer, die primär der Unterbringung der Saisonfischer von Ja­nuar bis April dienten und dummerweise auch die anderen acht Monate nach Dorsch rochen. In Mortsund, einem winzigen Fischerort auf Vestvågøy, fan­den wir eines dieser Zimmer direkt am Atlantik mit einem Ruderboot vor der Tür. So wurden auch wir mit Angel und Haspel zu begeisterten Fischern. Jeden Tag gab es fangfrischen Dorsch, Seelachs, Pollock, Leng, Rotbarsch oder aus­nahmsweise auch Seeteufel und Entdeckungsfahrten auf der faszinierenden Insel­gruppe.

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Unsere Inspiratoren aus Aix hatten ja so recht: Hier fanden wir dieses schnell wech­selnde Licht, die glasklare Luft, die in der meist tief stehende Sonne beson­ders schroff erscheinenden Berge, das in unterschiedlichen blaugrün Tö­nen schimmernde Meer, die einsamen Strände, die leuchtenden Blumenwiesen und die Ursprünglichkeit des Seins. Dieses großartige Gefühl von der Erhaben­heit unserer Erde wird im Sommer noch verstärkt durch das fortwährende Tages­licht infolge der Mitternachtssonne und im Winterhalbjahr durch die Nord­lichter. Die Lofoten, Nordnorwegen, die Länder nördlich des Polarkreises insgesamt, hatten uns eingefangen! Offenbar für immer, denn seit unserem ers­ten Besuch waren wir elf Mal dort, im Sommer, im Herbst und im Winter.

Die Lofoten waren die Einstiegsdroge für uns. Dabei ist es nicht geblieben, denn Nordnorwegen hat für uns viele Anziehungspunkte: Wanderungen in der Mitternachtssonne, Schlittenfahrten im tiefsten Winter, Angeln, Nordlichter und landschaftliche Schönheit und Fotomotive im Überfluss. Dazu kommt die dünne Besiedlung, die die Unberührtheit der Landschaft und die Erhabenheit in einem Maße verstärkt, wie dies in Europa nur selten, wenn überhaupt, zu erle­ben ist.

Übrigens meine Frau und ich sind durch und durch unsportlich. Deshalb faszinie­ren uns Surfen, Klettern in den schroffen Felsen und im Eis, Paddeln im Meer und Skilaufen weniger. Auch diese Aktivitäten ziehen immer mehr Besu­cher Nordnorwegens an.

Bei aller Begeisterung will ich nicht verschweigen, dass die Unberührtheit und Erhabenheit an den touristischen Hot Spots nicht mehr uneingeschränkt exis­tiert. Dies trifft Insbesondere auf die Lofoten und das Nordkap und in zweiter Linie auf die Region um Tromsø zu. Hier gilt es z.T. den Tourismus um einen herum auszublenden und die unverändert großartigen Szenarien in sich aufzu­saugen. Besonders unberührt hingegen ist immer noch das Gebiet östlich des Nordkaps. Hier vereint sich die Kargheit der Landschaft in häufig wundervollem Licht mit dem Gefühl von Einsamkeit und dem steten Kampf ums Überleben.